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Dieses Thema hat 6 Antworten
und wurde 1.823 mal aufgerufen
 Anekdoten & Geschichten rund ums Pferd
forsthof-antaris Offline

Forum-Verdienstkreuz Bronce


Beiträge: 1.351

04.12.2006 12:17
Mach mich nackisch ... Zitat · Antworten

Allerorts in den Vereins- und Turnierställen surren derzeit die Schermaschinen und befreien die treuen Reittiere von langer Winterbehaarung.

Klar, dass ich da nicht mit einem Zotteltier zum Training fahren kann und so beschließe ich, ebenfalls mein Pferd zu scheren.

Vertrauensvoll wie ich es nun mal bin, wenn es um meine Pferdekinder geht – schließlich kann ich ja erwarten, dass wenn ich ihnen mein Vertrauen schenke, sie dies auch uneingeschränkt zu erwidern bereit sind - verzichte ich auf Beruhigungsmittel und fummle mit vorwinterlich klammen Fingern den Stromstecker des Pferdehaarschneideapparates in die Dose, während mein Pferd, das im übrigen eine Elchschaufel auf der Hinterbacke trägt, eifrig bemüht ist, seinen Anbindestrick noch vor Inbetriebnahme des Schergeschützes durchzukauen und noch relativ desinteressiert mein Treiben ignoriert.

Als aber nun endlich der Stromfluss hergestellt ist, der das Maschinchen zum Leben erweckt, da richtet mein Pferdchen seine Aufmerksamkeit blitzartig auf mein Tun. Der, welcher noch eben strickekauend meditierte, ist nun plötzlich hellwach und not very amused, als ich mich nun mit dem laut brummenden Gerät an ihn heranschleiche. Natürlich bin ich bemüht, ein Pferdeversteher zu sein, denn schließlich handelt es sich bei Vertreten dieser edlen Pferderasse allesamt um sensible Tiere und darum schmeichle ich mich bei meinem Reittier mit einem Möhrchen ein, das ich ihm mit der linken Hand unter sein Sektkelchschnäuzchen halte, während meine rechte Hand sich ihm mit dem Schermonster nähert. Mit den zartfühlenden Worten: „Schau mal was ich Dir Feines mitgebracht habe. So eine brave (brav natürlich mit langgezogenem AAAAAAA) Schermaschine und die tut Dir gar nichts ( Gar na klar auch mit AAAAAAA)“, lasse ich das Gerät nun in seiner Kopfhöhe surren.

Allerdings scheint die Vertrauensbasis zwischen meinem Pferd und mir gerade tiefe Risse zu bekommen, denn anstatt braaaaaav stehen zu bleiben, schaut mein holder Knabe nun mit Froschaugen und laut schnaubend – dabei den Lärmpegel der Schermaschine um ein vielfaches übertönend – auf das Ding in meiner Hand, das brummend und vibrierend darauf wartet, sich im Fell meines Pferdes zu verbeißen. Welch eine irrwitzige Annahme meinerseits, dass er unter diesen Umständen bereit ist, eine Möhre zu verspeisen

„Zeig Deinen Mut, Trakehnerblut“, säusle ich – bemüht, trotzdem lauter zu sein, als der arbeitslose und darum wohl mittlerweile zornig knurrende Pferdetrimmer. Der Trakki hört mich aber wohl bei dem erhöhten Lärmpegel des brummenden Apparates nicht – zumal er ihn noch durch empörtes Schnaufen potenziert, denn das Entsetzten steigert sich mit jedem Zentimeter, den das Brummgerät sich ihm nähert zur Panik. Die Nüstern geweitet, den Ekel und die Abscheu ins typvolle Gesicht gezeichnet, tritt mein Pferdchen nun den Rückzug nach hinten an. „Hoho“, versuche ich beruhigend auf ihn einzuwirken, das Knirschen des Leders aus dem sein Halfter gefertigt ist, in beklemmenden Gedanken an mein gestresstes Girokonto bemerkend, aber der Knabe übt sich in Ignoranz und stemmt die Vorderbeine aufs Pflaster, um das Gewicht nach hinten zu verlagern. Die Hankenbiegung – nun nahezu perfekt für den Einsatz zur Levade, ermöglicht Trakkilein jetzt maximales Untersetzen der Hinterhand unter den Körperschwerpunkt. Der Schweif liegt bereits auf der Stallgasse und auf den Strick wirkt die Fliehkraft von 650 Kilo widersetzlichem Pferd, bevor das Halfter endgültig genug gelitten hat und mit einem explosionsartigen Knall nachgibt. Metallringe fliegen mir um die Ohren und der Panikhaken – bzw. das Stück davon, welches ein Einsehen hatte und sich nun vom Strick getrennt hat, trifft meine Stirn.

Ein Schmerz durchzuckt mich, bevor ich zu Boden gehe und nur noch grelle Blitze vor mitternächtlicher Dunkelheit erkennen kann. Doch kurz bevor ich mich in eine Ohnmacht flüchten kann, flüchtet erst mal mein Pferd. In dem Sekundenbruchteil in dem ich noch mit dekorativem hinsinken beschäftigt bin – man sieht das doch immer in den Sissifilmen, wie die Damen bewusstlos in die starken Arme des jungen Prinzen gleiten oder in einem meiner Lieblingsfilmepossen „Vom Winde verweht“, wo die Frauen der Südstaaten gleich reihenweise ohnmächtig werden, weil sie sich die Luft abschnüren, nur damit sie im Mieder eine Wespentaille haben. Gut – sicher schwingt nun ein Fünklein Neid in meinen Worten, denn - ich gebe es ja zu – bis meine Taille den Umfang hätte, müsste mir wahrscheinlich einer ins Kreuz treten, während er die Schnüre anzieht und vorher würden vermutlich eher die Miedernähte nachgeben, bevor mein Speck nicht mehr auftragen würde. Trotzdem wäre es natürlich ein dringendes Anliegen von mir, dass wenn ich schon mal die Gelegenheit dazu habe zu Boden zu gehen, das dann doch auch bitte mit Stil tun möchte und eine schlechtere Figur dabei abzugeben als Sissi oder Scarlett kommt ja wohl gar nicht in Frage – Also jedenfalls, während ich mit jenem dekorativem Hinsinken beschäftigt bin, das mich annähernd einem Vergleich mit Sissi oder Scarlett O´Hara nahe bringt und überlege, ob ich saubere Socken anhabe, aus denen kein Zeh lugt, falls der Oberarzt der Ambulanz, welcher meine Platzwunde versorgt, jung adrett und unverheiratet sein sollte, da reißt mich schon das Klackern und Schliffern von Hufeisenmetall auf Stein wieder in die Höhe und auf den kalten Boden der Tatsachen zurück. Unangebrachtes Hinsinken würde a. vermutlich von niemandem zur Kenntnis genommen und somit auch nicht in starken Armen, sondern auf dem soliden Klinker enden und b. meinem durch die Stallgasse dahinstürmenden Pferd einen erheblichen und vielleicht nicht aufholbaren Fluchtvorteil einräumen.

Trotz brummenden Schädel ... oder neee, das ist gar nicht mein Haupt was da brummt, sondern der Schervibrator auf dem steinernen Bodenbelag, der noch immer seinen Lebensnerv am Stromnetz von Yello nährt ... nur der Schmerz der pocht garantiert aus der Richtung meines Gehirns. Nichtsdestotrotz – meine klopfende und blutende Wunde tapfer ignorierend – oh Mann, ich hätte in diesem Moment wohl eine wunderbare Scarlett O´Hara gegeben und als Sissi wäre mir das Mitleid und die Rührung ganzer Kinogängergenerationen über so viel Mut und Tapferkeit sicher gewesen und Rhett Butler wäre stolz auf mich, seine Scarlett oder meinetwegen der Franzl-Kaiser auf mich, die Sissi gewesen, wo sie so heldenhaft Schmerz und Pein wegen dem Verantwortungsbewusstsein versteckt und in der Stunde der Not ja auch nicht an ihre Wehwehchen denken darf sondern nur an die gemeinsame Sache, die für Scarlett die Südstaaten und bei Sissi das Volk der Österreicher und Ungarn ist ... eine Sache für die es sich zu sterben lohnt, als Märtyrerin für alle Zeiten und wo ich nun schon selbst fast zu Tränen gerührt bin, da reißt mich mitten aus meinen wunderbarsten Tagträumen die Erkenntnis, dass ich nicht Sissi und auch nicht Scarlett bin und meine Sache für die ich mich zeitweise aufopfere gerade in Richtung Stallausgang entschwand und so wanke ich nun in die Richtung, in der ich meinen Trakehner zu finden hoffe und finde ihn auch zufrieden grasend vor dem Stallgebäude. Dem Schermonster habe ich vorab kurzfristig das Licht ausgeblasen indem ich den Stecker zog und nun schweigt er und mein Kopf hat das Brummen übernommen.

Eigentlich hätte ich den selbstzufriedenen Elchschaufler gerne verhauen, aber mein Rest von Contenance und Pferdepsychologie siegten über meinen grollenden Zorn über die blutende Stirn und das zerfetzte Halfter und schließlich hat sein Seelchen vermutlich nun unter dem Schock genauso gelitten wie meine malträtierte Gesichtsoberhälfte, die sich nun langsam irgendwie verformt anfühlt.

Zum Glück ist das treue Pferd heute relativ einsichtig und macht kein „Fang mich, ich bin der Frühling-Spiel“ mit mir, als ich nun versuche, ihm den Rest vom Halfter, das da noch um seinen Kopf baumelt um seinen Hals zu schlingen, damit er nicht wieder entfleucht, bevor ich ihn in die Box zurückbugsiert habe.

Unterwegs begegne ich nun meiner Mitarbeiterin, die bei meinem Anblick ungefähr das gleiche Gesicht macht, wie der Trakki, als sich ihm die Schermaschine gefährlich näherte – sie wirkt ziemlich entsetzt und während ich noch überlege, ob ihr ein Gespenst begegnet ist, wobei die Uhrzeit mit kurz nach 10 Uhr in der Früh doch eher nicht als Geisterstunde gilt und sich die Aktivitäten der Untoten eher zu mitternächtlicher Stunde abspielen, da schreit sie:“ Du blutest!“. Toll, das hätte ich selbst ja wohl gar nicht gemerkt. Trotzdem sagte ich:“ Ich weiß“. „Aber Du hast eine riesige rote Beule am Kopf und da läuft Blut raus!“ „Gut dass es Blut ist, denn wäre es Benzin, dann wäre ich ein Auto“, versuche ich zu scherzen, aber etwas beunruhigt bin ich nun schon und nachdem mir mein Pferdchen mit den Worten:“ Schau Dich mal im Spiegel an“ aus der Hand genommen wird, halte ich es nun doch für sinnig, das Ausmaß der Bescherung persönlich zu beurteilen.

Als ich nun das „ES“ im Spiegel betrachte, was mich da anschaut wie Max Schmeling in der 10.Runde vor dem alles entscheidenden K.O.-Schlag und versuche es irgendwie mit meinem „ICH“ in Einklang zu bringen, wird mir dann doch ziemlich flau in der Magengrube und ich muss mich erst einmal setzten.

Danach habe ich nicht nur eine rote Beule, sondern bin auch noch grün um die Nase und wenn mir nun noch einer sagen würde, wo ich noch Gelb für die Höhe der Nasennebenhöhlen herbekomme, dann könnte ich mich vielleicht für einen Nebenjob als Verkehrsampel bewerben.

Zumindest lasse ich mich widerstandslos zur Ambulanz chauffieren und dort will auch keiner meine Socken anschauen – oh Mann, die ganze Sorge umsonst, denn der Arzt, der meine Wunde klammert, ist überdies eine Frau. Ich bin sicher, Scarlett O´Hara wäre das nicht passiert – die wäre vornehm erblasst und in ihrer Schönheit zerbrechlich wirkend auf dem Krankenlager danieder gelegen und hätte sich ihre Wunde von einem Kerl von der Liga Ashley Wilkes behandeln lassen, der sich natürlich umgehend in sie verliebt und ihr noch vor der Genesung einen Heiratsantrag gemacht hätte. Ich hingegen wirke eher odechangiert mit meinen blutverklebten Haaren und statt vornehmer Blässe habe ich nun einen ungesunden Gelbton im Gesicht (Verkehrsampel – sag ich’s doch!), weil mir beim Geruch von Desinfektionsmitteln immer schlecht wird und während mein Versuch fehlschlägt, noch nach einer Nierenschale zu greifen, bevor mir die Übelkeit endgültig den Magen umdreht, bin ich sicher, dass Scarlett so etwas niemals passiert wäre – zumindest hätte sie sich nicht auf die Schuhe des Arztes übergeben. Man sieht es mir nach und diagnostiziert eine Gehirnerschütterung – da kommt einem wohl in der Regel der Mageninhalt ab und an wieder hoch.

Das Unternehmen: „Ich mach Dich nackisch“ liegt also nun erst einmal auf Eis, welches ich mir auf die Beule packe, während ich im abgedunkelten Zimmer einen neuen Schlachtplan zurechtlege, wie ich es dennoch schaffe, mein Pferd zu entwinterhaaren.

Der nächste Versuch beginnt mit einem Telefonat mit dem Pferdedoc, der mir nun ein Tübchen mit Dope für mein widerborstiges Pferd mitgebracht hat. Er verabreicht dem Trakki einen Teil der Dosis und der fängt auch gleich an zu sabbern, wie ein Boxerhund, dem man einen Knochen vorhält und versucht die Paste wieder auszuspucken. Zum Glück bleibt aber genug drin und der Tierarzt ist guter Hoffnung, dass mein heißgeliebtes Reittier nun in Kürze relaxt auf Wolke sieben schwebt – wenn nicht, sollte ich noch einen Teilstrich nachgeben.

Ich warte also. Diesmal habe ich mir auch einen Gummianbinder besorgt, der hoffentlich nachgibt, anstatt dass der Panikhaken bricht und so ausgerüstet warte ich ... und warte ... und warte. Aber mein Pferd steht quietschvergnügt auf der Stallgasse und lediglich mein versuchsweises Einschalten des Schermonsters quittiert er mit einem vorwurfsvollen Blick und der Tendenz zur massiven gegenwehr.

Nach zwanzig Minuten bin ich es leid und verabreiche meinem Trakehner noch einmal was aus der Tube. Sicherheitshalber nehme ich aber gleich 2 Teilstriche, nachdem das Beruhigungsmittel so gar keine Wirkung zeigte.

Zehn Minuten später schlaucht mein Trakehner aus und langsam sinkt auch sein Kopf tiefer und die Unterlippe hängt nun sehr zum Nachteil seines äußeren Erscheinungsbildes schlaff herab. Ich setzte die Maschine unter Strom ... das Brummen stört das entspannte Pferd offensichtlich nicht. Ich rücke ihm näher auf die winterlich behaarte Pelle ... er bleibt cool und würdigt mich keines Blickes. Wie ein Tippelbruder nach einer 2-Liter-Flasche Lambrusco stiert er dumpf vor sich hin. „Hahaaaa“, denke ich, „die Gelegenheit scheint günstig wie nie zuvor“, und schon fräst sich der Schervibrator durch das üppige Fell.

Wie ich so versuche, die Schnittstellen übereinander zu legen, damit es ein glattes Bild ergibt und man nicht jeden Strich sieht, habe ich das Gefühl zu schwanken. Zuerst denke ich mir ja noch nichts dabei, dann überlege ich, dass das nur mit irgendwelchen Spätfolgen der Gehirnerschütterung zusammenhängen kann.

Als dann allerdings von einem zum anderen Moment mein Pferd nicht mehr vor mir steht, sondern mir zu Füßen liegt und immer wieder vergeblich versucht aufzustehen, werde ich extrem panisch und hacke verzweifelt die Nummer des Tierarztes in die Tastatur des Handys. Zum Glück ist der Doc noch in der Nähe und so gibt er meinem Djunkie-Pferd erst mal was in die Vene, damit er wieder mobil wird und rät mir dann die Scheraktion ein paar Tage zu verschieben und erst mal mit meinem Trakehner ein paar Runden im Freien zu drehen.

Zum Glück geht es ihm schon eine halbe Stunde später wieder sehr gut. Als ich beichte, dass ich zwei Teilstriche verabreicht habe, statt dem einen, da macht mir der Tierarzt den Vorschlag, den sensiblen Knaben besser intravenös ruhig zu stellen, weil das besser dosiert werden kann, schneller wirkt und mir etwa eine Stunde Zeit bleiben würde, den Winterpelz zu kappen.

Drei Tage später schicken wir den Trakki wieder auf einen Relaxtrip und als er dann tatsächlich kurz darauf ausschlaucht und entspannt die Unterlippe hängen lässt, lege ich mit der Schermaschine los.

Während ich so mein Pferd seiner Haarpracht beraube, scheint mir die Aktion nun doch etwas ziel- und planlos und ich überlege, dass ich eigentlich die sogenannte Jagdschur der Komplettschur vorziehe, denn das lästige Scheren der Beine entfällt damit und das Pferdchen hat doch noch wärmenden Winterpelz auf Nieren und Sattellage, was sicher auch ungemein vor Druckstellen schützt. Ich lasse das Gerät also erst mal verstummen, um nach einem Stück Kreide zu suchen, denn schließlich soll die rechte Seite des Pferdes auch nach der Schur mit der linken Seite identisch sein und dafür scheint es sinnvoll, die Schnittlinie festzulegen und sie anzuzeichnen. Einfacher ist es natürlich, wenn man doch mehr Fell abschert und eine Schabrake auflegt und drumrummalt. Aber ich vertraue meinem Augenmaß und nachdem ich nach mehrminütiger Suche, denn wer Ordnung hält ist nur zu faul zu suchen - sogar zufällig einen Reststummel Kreide im Koffer der Schermaschine entdeckt habe – ich sags ja, halte Ordnung, übe sie, sie erspart Dir Zeit und Müh - sieht mein Trakki aus, wie Omas Schnittmuster für eine Küchenschürze und ich mache mich wieder frisch ans Werk.

Irgendwie rupft die Haarschneidemaschine nun aber mehr, als dass sie schneidet und ich vermute, dass sie Öl braucht.

Also – Strom aus und Schermesser geölt. Strom wieder an und ... verflixte Schweinerei, das Öl verteilt sich anstatt zwischen den Scherblättern, wie ihm geheißen wurde, lieber in Airbrushtechnik auf meiner Jacke und sorgt da für ein Muster, das sicher nie mehr rausgeht ... egal was die Waschmittelindustrie versprechen mag – ein Fettfleck bleibt ein Fettfleck und das ein Stofflebenlang. Gut, die Jacke war eh ein bisschen unmodern und eine Nummer zu klein war sie ja eigentlich auch langsam geworden, da waren wohl die Kalorienzwerge am Werk und haben sie enger genäht.

Zwischenzeitlich hat sich das Öl aber auch an dafür vorgesehener Stelle der Scherköpfe verbreitet und so kann ich doch ein gutes Stück meines Pferdes freilegen. Leider hat das nun zutage tretende Fell die Farbe in Richtung strassenkötergrau gehend und irgendwie sieht man auch jeden Strich der Scherarbeit. Also ist nun dringende Feinbearbeitung unabdingbar.

Die Maschine wiegt mit jedem Schurstrich nun schwerer und irgendwie wird sie auch ziemlich heiß. Ich beschließe, sie erst mal abkühlen zu lassen und besehe mir während der Vibrationsalarm schweigt, mein Werk.

Irgendwie ist nun aber die Schnittkante rechts nach oben verrutscht und es scheint sinnvoll links den Kreidestrich zum Ausgleich doch etwas höher anzusetzen.

Die Schermaschine wirkt wieder kühler und vor allem leichter in meiner Hand und mein Pferd relaxt noch immer und lässt „him swing in the wind“ – was heißt, der Dödel und die Unterlippe hängen immmer noch im Duett ab, also mache ich mich wieder an die Arbeit, obwohl mich nun irgendwie ein Jucken quält, seit ich die ölverspritzte Jacke wegen Hitzeentwicklung meines Körpers infolge Anstrengung, auszog. Ein Blick auf meinen Pulloverärmel verrät mir den Grund des Piekens und Kratzens, denn lauter stoppelkurze Pferdehaare stecken zwischen den rechten und linken Maschen, aus denen das Teil gestrickt ist. Nun heißt es, kurz kucken, ob keiner mich sieht, denn schließlich wirkt frau in funktionellem, aber keineswegs mit erotischen Reizen versehenen fleischfarbenem Sport-BH nicht unbedingt wie Germanys next Top Model, zumal sich der Lebkuchen und Glühwein hartnäckig in Form von Speckröllchen an der Bauchregion auszubreiten beginnt. Der Trakki schläft und so störe ich auch sein ästhetisches Empfinden wohl kaum, denn seine Lider hängen bereits über den Pupillen und so wurschtle ich mir den Pulli über den Kopf und schüttle ihn flugs aus. Ein Glück bin ich jetzt nicht Scarlett O´Hara, denn sonst müsste ich erst mein Mieder aufschnüren und was noch viel fataler wäre – ich müsste jemanden finden, der es auch wieder zuschnürt, ohne dass er mich hinterher damit erpresst, allen die das interessiert zu erzählen, wie viel Übergewicht meine Rippenbögen rundet. Bloß vermute ich, dass Scarlett O´Hara auch ohne Mieder noch gut aussah – im Gegensatz zu mir.

Drei Minuten später merke ich, dass nun, wo ich mich wieder in das Wollzelt gezwängt habe, das Pieken sich eher verstärkt zu haben scheint. Anscheinen hat sich die gekappte Frisur meines Pferdes nun gleichmässig in den Maschen verteilt – zu blöd, aber egal, da muss ich nun durch.

Konzentriert versuche ich nun die Schnittlinien exakt einzuhalten, aber das Gebläse des Schermaschinenmotors scheint den Kreidestaub irgendwie vom Fell zu blasen, wo er sowieso nicht gut hielt und -Glanzspray sei Dank – eher abrutschte, als weiße Linien zu fixieren, die mir einen Anhaltspunkt hätten geben können, wie viel Fell noch fallen soll.

Während ich immer wieder rechts und links vergleiche und das übrig gebliebene Fell immer weniger wird, disponiere ich kurzfristig um und beschließe in Anbetracht des immer noch ganz ruhig dösenden Pferdejungen, dass genügend Zeit verbleibt eine Komplettschur in Erwägung zu ziehen. Immerhin entstünde dadurch der Vorteil, neckische Muster auf den Pferdepopo zu rasieren und so eine Mickimauskopfkontur freizulegen, konnte mein kreatives Vermögen ja wohl nicht überstrapazieren – schließlich schaffen das ja sogar die Reitmädels vom Verein.

Nach unendlich vielen Scherstrichen und noch mehr vergangener Zeit beginnt mein Elchschaufler so langsam das Interesse an seiner Umwelt zurück zugewinnen und die Mickymaus hat nun sowieso nur noch ein Ohr und ein Herzchen auf dem Hintern ist eh viel attraktiver als wenn ich unendgeldlich mit meinem Pferd für Mister Disney Werbung laufe. Ist ja schon schlimm genug, dass man auf jedem Halfter und an jeder Pferdedecke Firmenlogos- und Labels anbringt und mich damit zwingt mein Pferd zu einer Litfasssäule der Reitsportindustrie zu machen, was soll ich nun auch noch das Logo eines mehrfachen Milliardärs zur Schau stellen, wo es der gute Walt doch sowieso nicht mehr sieht – so tot wie der ist, wird er mir keinen Sponsoringvertrag mehr unterschreiben, weil Mickys Kopfkontur die Kruppe meines Pferdes ziert.

Nur zu dumm, dass sich die Vibration des Scherapparates sich nun auf meine Hand zu übertragen scheint und so zittere ich versuchsweise ein beidseitig symmetrisches Herz aus dem letzten verbliebenen Fellrest, aber dabei wird das Fleckchen Winterpelz nicht nur immer kleiner, sondern ist nun auch nicht mehr als Herz zu erkennen – also weg damit! Sieht doch sowieso kindisch und albern aus und passt keinesfalls zu einem Edelpferd einer so noblen Rasse.

Trakkilein wird nun schon wieder ein wenig eigensinnig und während ich den Übergang vom Schweif zur Kruppe noch in V-Form zu rasieren hoffe, was mir ungefähr so zielsicher gelingt, wie wenn sich ein Parkinsonkranker eine Zigarette anzuzünden versucht, kommt Leben in den Knaben und das will eindeutig nun nicht weiter geschoren werden und startet eine Meuterei.

Klar, dass wenn er das Hinterbein hebt, die Kruppe sich mitbewegt und – ratzfatz beißt sich das Scherblatt durch den Ansatz der Schweifrübe. Super! Nun sieht er aus wie ein Sommerekzemer mit abgeschubbertem Stert. Rettungsversuche sind eher sinnlos, weil meine Hand nun so vibriert, dass ich vermutlich eher für Kahlschlag sorgen würde, als noch etwas auszubessern. Was solls – der Schweif wächst ja nach.

Dem Trakehner wird’s aber nun endgültig zu dumm und als ich auch noch auf den Hocker steige, um einen klaren Ansatz unterhalb des Mähnenkammes frei zu scheren, ohne diverse Strähnen der Mähne zu kappen, schmeißt sich der Junge wieder in die Taue. Die halten ihn jedoch diesmal nicht, sondern geben nach und das ist komplett gegen das Konzept des intelligenten Pferdes, das sicherlich hoffte, eine zweite Chance zur Flucht zu erhalten, indem es das Halfter erneut sprengt. Aber das hält diesmal und der Trakki hängt in den Seilen wie ein Bunjeejumper. Empört versucht er nun einen beherzten Sprung zur Seite und diesmal hat er Glück, denn das Gummi dehnt sich und gibt ihm Spielraum bis zu meinem Hocker.

Ich habe in der Schule nicht oft damit geglänzt, dass das vom Lehrer in unsere Köpfe gehämmertes Wissen sich dort lange genug aufhielt um im Langzeitgedächtnis gespeichert zu werden, aber eins hatte ich gelernt und weiß es noch heute, dass wo eine Masse sich befindet, keine zweite sein kann, ohne dass die erste Schaden nimmt und während die Masse Pferd nun auf die Masse IchaufdemHocker traf, wusste ich, dass mein Physiklehrer recht gehabt hatte.

Das Halfter reißt. Der Hocker kippt. Ich falle nun zum zweiten Mal innerhalb von vier Wochen auf den Klinkerboden und überlegte mir im Stillen, dass wenn ich nun ohnehin hier öfter mal rumliege, ich mir den Sturz am besten gleich spare und statt dessen sofort liegen bleibe und mich bei der Gelegenheit hier umgehend wohnlich einrichte.

Mein egozentrisches Pferd, welches natürlich, wieder überhaupt nicht darüber nachdenkt, wie es mir nun geht, sondern nur mit sich selbst beschäftig ist und damit vor dem Hocker zu flüchten, der sich mit der Unterseite an seinem Bein verfangen hat, sprengt also einmal mehr von dannen und während ich meine Wohnidee einstweilen cancle, weil ich nun beschlossen habe um den Hocker und das Pferdebein gleichermaßen zu fürchten, nachdem der Elchschaufelträger mein Gefühl von Liebe und Gegenliebe in den Grundmauern erschütterte, indem er mich auf der Stallgasse mit schmerzendem Steißbein zurücklässt, anstatt wie Fury, Black Beauty oder Blitz der schwarze Hengst, die eigene Sorge ums Überleben hinten anzustellen, um zurückzukehren und seinen geliebten Menschen zu retten.

Während ich mich aufraffe und nun hinter dem ichverliebten Pferd herhumple, beschließe ich gleich nachher noch in der Videothek vorbeizuschauen, um mir entsprechendes Filmmaterial auszuleihen, welches ich dann meinem Trakki zu Demonstrationszwecken vorzuführen gedenke. Schließlich kann es nicht zuviel verlangt sein, dass Pferd wenigstens ein Zeichen seiner Dankbarkeit statuiert, indem es sich in so einer Situation umdreht, zu mir zurückgaloppiert, sich niederkniet, damit ich mich an seinem Hals festhalten kann, um auf die Beine zu kommen und dann wartet, bis ich mich auf seinen Rücken gezogen habe, damit er mit mir zur Ambulanz trabt, nachdem man ihm sein Futter finanziert, die Tierarztrechnungen bezahlt, wenn er hustet oder lahmt und dafür sorgt, dass er stets in duftend gelbem Heu residiert, aus dem täglich mindestens einmal die Äppelhaufen und das Pipi entfernt werden. O.K. Halten wir ihm zugute, dass er seinem Fluchtinstinkt folgte und bislang weder von Blitz, noch von Black Beauty inspiriert wurde, wie Pferd sich für die Liebe und Fürsorge seines Menschen erkenntlich zeigt, aber wenn wir alle Blitz, Fury, Black Beauty-Filme, inklusive Phar Lap, Hidalgo und Seabisquit zusammen angeschaut haben, dann erwarte ich schon etwas mehr Zeichen der grenzenlosen Dankbarkeit, als das bislang der Fall war. Muss ich mich denn freuen, wen wir mit einer blauen Schleife aus einer A-Dressur kommen, während Seabisquit seinen Besitzer reich machte und seinem Jockey Ruhm und Ehr brachte? Es ist an der Zeit, dass ich auch meine Ansprüche etwas nach oben schraube.

Und während ich die Trümmer meines Hockerchens zusammensuche und mich das schlechte Gewissen schon wieder beisst, dass ich mich über die Undankbarkeit des Trakehners ärgere, anstatt mir Sorgen zu machen, ob sich vielleicht ein Splitter des Hockers in sein Füsschen bohrte, als das Sitzmöbel zerbrach, begrüßt mich mein Pferd mit vorwurfsvollem Blick und verräterisch aus seinen Maulwinkel hängenden Grashalmen. Ich spüre förmlich, was es ihn eigentlich zu sagen drängt: „ Sieh Dir an, was Du mit mir gemacht hast! Mein feines Trakehner Nervenkostüm ist ruiniert und mein Bein schmerzt, weil mir der Hocker dagegen schlug und das alles bloß, weil Du mich mit dem Schermonster kitzeln musstest. Ich habe Dich nicht gebeten, mir mein warmes Winterfell abzurasieren – Du wolltest mich nackisch machen! Und dass Dir Dein Hintern jetzt weh tut, das geschieht Dir dreimal recht!“

Dass ich nun lachen muss, verletzt das Sensibelchen nun doch, denn er nimmt ja alles gleich persönlich – erwähnte ich dass er im Sternzeichen der Fische geboren ist?

Das Dumme ist nun aber, dass er nun geschoren ist, wie meiner Mutter Zwergpudel – der Körper rasiert, die Beine behaart und Hals und Kopf ebenfalls in plüschigem Look. Irgendwie hat er nun das Fundament eines Tinkers, mit seinen dickbehaarten Stampferbeinchen, den Hals und Kopf eines Clydesdales und den Körper vom Vollblüter. Dazu die Farbnuancen deren Variationen ein Panoptikum des schlechten Geschmacks verkörpern, weil sie irgendwo zwischen Schwarzbraun und besagtem Strassenkötergrau angesiedelt werden müssen.

„Tja, Dicker“, überlege ich laut, „da können wir nur hoffen, dass die Leute denken, dass wir dem neusten Trend in Sachen Pferdehaarmoden folgten, der ihnen fatalerweise bislang noch entgangen war und es nachmachen, dann siehst Du wenigstens nicht allein so seltsam aus, denn ich gehe davon aus, dass ich in der Annahme recht habe, dass Du zu keinem Entgegenkommen bereit bist, wenn ich Dich fragen würde, ob wir es vielleicht doch noch mal versuchen, den Rest auch noch abzuschneiden. Aber vielleicht wächst das Fell ja auch rasch wieder nach und wir machen solange Pause und verstecken Dich derweil unter einer Decke.“

Nachdem nun vom Halfter wieder mal kaum was übrig blieb, was sich nur annähernd dazu verwenden lassen würde, meinen Zottel in die Box zu führen, hole ich den nun doch etwas in Mitleidenschaft gezogenen Gummianbinder, welcher durch die Dehnung verlängert wurde, wickle ihn dem Trakki um den Hals und beschließe ihn im nächsten Jahr ganz frühzeitig einzudecken und die Schermaschine, die stelle ich bei Ebay ein – vielleicht bietet ja noch einer drauf, der statt eines sensiblen Fische-Trakehners einen Holsteiner hat mit Sternzeichen Widder und Aszendent im Skorpion und Nerven wie Drahtseilen.

LG
Sabine

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Geh Wege, die noch niemand ging, damit Du Spuren hinterläßt
Antoine De Saint-Exupéry

Renate ( Gast )
Beiträge:

04.12.2006 14:47
#2 RE: Mach mich nackisch ... Zitat · Antworten

GRÖÖÖÖÖHL !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Das Leben ist bunt!

bunte Hubsi Offline

Moderatorin


Beiträge: 1.633

05.12.2006 00:56
#3 RE: Mach mich nackisch ... Zitat · Antworten

Diese Geschichte ist mal wieder zu köstlich.....
und dabei ganz kalorienfrei.
Muß unbedingt in Dein Buch, welches hoffentlich vor meinem 50ten
Geburtstag handsigniert bei mir eintrifft.
Liebe Grüße Petra

Ischtarpferd Offline

Elite


Beiträge: 365

05.12.2006 10:32
#4 RE: Mach mich nackisch ... Zitat · Antworten

hihihihi...wieder supertolle Geschichte, die das PferdeLeben schrieb.

Da hat sich Dein Trakki fast wie Ischtar verhalten (naja...ist ja auch Trakki drin) die wollte auch nicht geschoren werden. Hat uns voll übern Haufen gerannt, aber irgendwie ging es dann doch.

Muss unbedingt noch wegen Deines Buches nachhaken , damit Du es nicht nur für Petra signierst

LG von Tanni



Ich muss dann mal ins Internet...

G.S.Sharif Offline

Elite


Beiträge: 383

06.12.2006 12:10
#5 RE: Mach mich nackisch ... Zitat · Antworten

Super!!!! es ist einfach genial.... und in jeder Geschichte findet man immer etwas wieder was einem an ein Erlebniss mit seinen eigenden Pferdchen erinnert.

Buch????? ----------------- Ja !!!!!!! ich nehm auch eins!!!!

LG Franziska
Fit to continue

http://www.goldenstar.2page.de

Scheckenfreund ( Gast )
Beiträge:

07.12.2006 14:02
#6 RE: Mach mich nackisch ... Zitat · Antworten

Wie weit ists denn jetzt mit dem Projekt "Buchveröffentlichung" gediehen?
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Ein Pferd hat vier Beiner,
an jeder Ecken einer.
Drei Beiner hätt’,
umfallen tät.
Unbekannt

forsthof-antaris Offline

Forum-Verdienstkreuz Bronce


Beiträge: 1.351

11.12.2006 20:44
#7 RE: Mach mich nackisch ... Zitat · Antworten


Hier die Inspiration -abgezeichnet von unserem Nixikind, damits keine Copyright-Probleme gibt

LG
Sabine
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