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 Anekdoten & Geschichten rund ums Pferd
forsthof-antaris Offline

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Beiträge: 1.351

14.12.2005 00:53
Lasset uns aufbrechen, ein Pferd zu kaufen Zitat · Antworten

Lasset uns aufbrechen, ein Pferd zu kaufen

Ich möchte gerne ein zweites Pferd kaufen. Nichts leichter als dass, sagen Sie?
Die Händler und Züchterställe stehen voll von verkäuflichen Pferden, denken Sie?
Wer bereit ist Geld aus zu geben in unserem Staat, der kann das ganz schnell tun, glauben Sie?

Ich habe darauf eine konkrete Antwort: Vergessen Sie´s!

Dabei habe ich mich weder auf eine Farbe, noch auf eine Rasse, noch auf ein bestimmtes Geschlecht festgelegt. Alter oder Ausbildungsstand sind variabel. In der Größenvorstellung bin ich flexibel. Mein Preislimit realistisch.

Ich bin zunächst auch strategisch vorgegangen bei der Suche und habe Angebote geprüft:

aus Verkaufskarteien der Verbände
uninteressant, weil die Verbände entweder gar nicht interessiert sind, Ihren Züchtern und Mitgliedern bei der Vermarktung der Pferde zu helfen, und dem entsprechend lang warten Sie auf Adressen von Verkäufern (wenn Sie überhaupt je welche bekommen) oder die Verkaufsdateien so wenig aktuell sind, dass Pferde entweder längst verkauft sind, bzw. angebotene Fohlen bereits die ersten Erfolge in Reitpferdeprüfungen verbuchen konnten.

Mein Tipp: Probieren Sie es trotzdem, vielleicht haben Sie ja mehr Glück als ich und ein/e rührige Verbandsangestellte/r bietet Ihnen die Hilfe an, für deren Erbringung diese Person durch die Beiträge der Verbandsmitglieder bezahlt wird

bei Auktionen
noch uninteressanter insbesondere für den Freizeitreiter, da die Tiere entweder von so vielen Leuten ausprobiert worden sind, dass eine objektive Beurteilung des Pferdes nicht mehr möglich ist, oder durch den intensiv Beritt durch Auktionsreiter sowieso nicht möglich war. Außerdem ist es schwer, sich in der kurzen Zeit ein wirkliches Bild vom Charakter oder den Eigenschaften des Pferdes zu machen. Entscheident für mich jedoch, nicht auf einer Auktion zu kaufen, sind neben den teilweise überzogenen Preisen (setzen sie das Pferd doch mal drei Wochen nach der Auktion in die Zeitung und versuchen Sie den dafür bezahlten Preis beim Verkauf ohne Auktionator wieder zu erzielen) auch das Risiko, dass das von Ihnen ausgewählte Pferd Ihren festgesetzten Preisrahmen übersteigt und das alternativ dazu in Frage kommende Tier schon vorher versteigert wurde und Sie ohne Pferd nach Hause kommen. Im übrigen haben Sie auch nicht die Zeit lange über Ihren Kaufentscheid nachzudenken, weil sonst ein anderer Ihr Traumpferd auf seinen Anhänger läd oder Sie im Auktionsrausch auf ein Pferd bieten, dass Sie gar nicht haben wollten. Die fatalste Variante ist allerdings die, wenn Sie mit einem Pferd nach Hause fahren, dass Sie versehentlich ersteigerten, als Ihnen die Nase juckte und sie das Auktionstäfelchen nutzten um Abhilfe zu schaffen.

Mein Tipp: Besuchen Sie Auktionen, um den Rausch der Bieterduelle zu genießen, aber lassen Sie um Gottes Willen die Finger unten. Es sei denn, Sie sind in der glücklichen finanziellen Lage, Auktionspferde zu sammeln, wie andere Briefmarken und finden einen Sammlerkollegen, der gegebenenfalls, wie beim Briefmarkensammeln üblich, etwaige Fehlkäufe mit Ihnen austauscht.


von namhaften Gestüten
wenig empfehlenswert. Ähnlich wie bei Auktionen bezahlen Sie hier schnell den Namen des Züchters oder Ausbilders mit. Bei Hengststationen mit aktuellen Modehengsten oder namhaften Züchtern, welche eben jene Hengste nutzen, bezahlen sie auf jedem Fall die im Nachkommen enthaltene Decktaxe des Starvererbers, der sein Vater ist. Hier sind bei 2000 Euro Deckgeld 4000-5000 Euro schnell erreicht, ohne dass das Fohlen seinen von Ihnen bezahlten Kaufpreis je rechtfertigt. Außerdem ist auch später beim gerittenen Pferd die Chance gegeben, dass man Ihnen einen Viereckkünstler mit wahlweise Anfangsbuchstaben R, S oder D für sehr viel Geld verkauft, der unter Ihnen niemals eine A-Dressur gewinnt, obwohl er mit dem Bereiter dieses Stalles bis M erfolgreich lief. Woran das liegt? Jeder Dressurrichter kennt den Hengsthalter, seine Pferde und seinen Bereiter und der kann so schlecht gar nicht reiten, dass es nicht doch noch für eine Schleife reicht und bei der Abstammung muss das Pferd einfach ein begnadetes Dressurpferd sein. Im übrigen, haben Sie das Wort Korruption doch sicherlich schon mal gehört und Ihnen wird nun klar, dass jeder es weiß, aber keiner darüber spricht. Wenn Sie nun also wieder einmal ohne Schleife nach Hause fahren, obwohl Sie dieses vorher so erfolgreiche Pferd für viel Geld kauften, dann zweifeln sie nicht an Ihrem Können und auch nicht am Pferd. Fragen Sie sich einfach ganz ehrlich: Wer kennt mich und wem nutzt mein Sieg? Sind sie jetzt nicht schon viel zufriedener?

Mein Tipp: Wie ich Sie kenne würden Sie ihn sowieso ignorieren, weil auch Sie glauben, dass der Name von „Einem fürs ganz große Viereck“ eben nur ganz selten mit A,B( o.k. manchmal noch) ,C,E,F,G,H,I,J,K,L,M,N,O,P,Q,T,U,V, W(schon eher) oder Z anfängt. Also kaufen Sie, was Sie wollen und verzeihen Sie dem Pferd, wenn es sich seiner großen Bürde nicht bewusst ist, weil es nicht lesen kann.

Von namhaften Ausbildungs- und/ oder Handelsställen
Wenn im übrigen das Pferd beim Olympiareiter X im Stall stand, ist ja eigentlich schon klar, dass es sich dann hierbei um ein ganz besonders begabtes Tier handeln muss, dass seinen hohen Preis selbstverständlich rechtfertigt. Glauben Sie? Sie Illusionist! Sie haben es immer noch nicht begriffen! Auch diese Sportheroen leben nicht vom Ruhm allein, es sei den sie wissen ihn geschickt zu vermarkten. Ein Name bürgt schließlich für Qualität! Oder? Kurz und gut, diese Spitzensportler verwenden Ihr Können nicht nur für die eigenen Pferde, sondern bieten auch Ihnen, bzw. Ihrem Pferd, gegen gutes Entgeld versteht sich, ihre Dienste an. Dabei ist je nach dem wie lange der letzte internationale Erfolg zurück liegt, von dem der Marktwert des Reiters ja abhängig ist, nicht wirklich immer die Qualität des Pferdes entscheidend. Erst mal bringt der Beritt ja Geld. Und wenn der Zosse sich dann all zu blöd anstellt, wird eben der Azubi draufgesetzt. Stall ist Stall. Was sollen da die Haarspaltereien von wem das Pferd nun geritten wurde. Fakt ist, man zahlt viel Geld an einen Star der Reiterwelt und das muss sich natürlich auch auf den Verkaufspreis des so exklusiv berittenen Pferdes niederschlagen.
Ganz gewitzte Spezialisten machen einen noch schnelleren Euro. Sie bieten nämlich die Boxen Ihres Stalles Händlern stundenweise gegen prozentuale Verkaufsprovision an, wenn finanzstarke Kunden, vorzugsweise aus dem Ausland, ihr Kommen angekündigt haben. Sie glauben nicht, dass das den Marktwert eines Pferdes gewaltig steigen lässt, wenn es seinen Hafer nun augenscheinlich bei einer so berühmten Reiterpersönlichkeit frisst? Sie wollen Beweise? Fragen Sie doch den Vereinskameraden, der damit angibt sein Pferd vom Weltmeister XY gekauft zu haben, wer denn als Eigentümer vor ihm im Papier stand. Klar, es wird nicht jeder Besitzwechsel im Papier vermerkt, aber Sie denken sich jetzt Ihren Teil, oder?

Mein Tipp: Drum prüfe wer sich teuer bindet, ob man erst die Wahrheit findet

bei Pferdemärkten
Vergessen Sie´s, wenn Sie wie ich gestrickt sind, und ihnen der Anblick eines Fohlens, dass brachial von seiner Mutter getrennt und allein auf einen fremden Anhänger geprügelt wird, die Tränen in die Augen treibt. Wenn nicht, kann es gut sein, dass sie ein wahres Schätzchen für wenig Geld ergattern, weil es sich um einen Notverkauf handelt und schnelles Bargeld gefragt ist. Oder der Verkäufer weiß selbst nicht, wie wertvoll das Pferd am anderen Ende seines Strickes ist und überlässt es ihnen für einen kleinen Euro. In diesem Fall ist aber Ihr Talent zum Pokerface gefragt. Etwaige Begeisterungsstürme über von Ihnen besonders begehrte Ahnen im Pedigree sind dringlichst zu vermeiden, weil Ihr Geschäftspartner eventuell Ihr Interesse in Euro und Cent umrechnet, welche bekanntlich mit dem Interesse am Produkt (in diesem Fall dem Pferd) steigen. Allerdings ist die Chance ein Schnäppchen zu machen, etwa genau so groß, wie mit Zitronen zu handeln, wenn das noch am Vormittag gleichmäßig trabende Pferd abends zuhause immer lahmer wird und schließlich auf drei Beinen steht. Der Name des Verkäufers lässt sich wahrscheinlich schwerer nachweisen als das Buta im Blut des Pferdes. Im Gegensatz zur Auktion besteht auf den meisten Märkten weder die Pflicht einer Ankaufsuntersuchung noch die des Röntgen-TÜV. Im Zweifelsfall hat man dort gekauft wie gesehen.

Mein Tipp: Nichts für schwache Gemüter und Reiter, die zu Mitleidskäufen neigen, da nach mehrmaligem Besuch von Pferdemärkten zumindest ein eigener Hof in Betracht gezogen werden muss, um Unterstellkosten im Pensionsstall zu sparen. Aber das gesparte Geld können Sie ja beim nächsten Pferdemarkt wieder investieren.

aus einschlägigen Fachzeitschriften
empfehlenswert, wenn man realistisch genug ist, den Inhalt des Anzeigentextes kritisch zu überprüfen. Ein sensibler und menschbezogener Wallach verlockt zum Kauf, denn wer hätte nicht gerne ein Pferd, das sich freut, wenn Mensch kommt? Sensibel und menschbezogen kann aber auch gleichbedeutend dafür stehen, dass jedes Blatt, das der Wind über die Erde treibt, dem Wallach die Fassung raubt und er dann dem Menschen der ihn am Halfter hält nicht zögert auf die Pelle zu rücken. Weniger verlockend nun die Vorstellung, ein 600 Kilogramm schweres Pferd mit Schwung auf Tuchfühlung zu bekommen, das sich dann womöglich erst wenn es mit allen vier Hufen auf Ihren Zehen steht sicher fühlt. Also Anzeigenformulierungen sind immer eine Frage der Interpretation.

Mein Tipp: Nehmen Sie sich Zeit, die Geschichte meiner Erfahrungen zu lesen und machen Sie das Beste draus!

aus dem Internet
kann leider keine Prognose für Erfolg oder Fehlschlag abgegeben werde, da ich was Computer, in diesem Fall der Umgang mit dem WorldWideWeb, auf meinen Mann angewiesen bin. Er holt mir nur dosiert Informationen über verkäufliche Pferde aus dem Internet, weil er stundenlange Touren quer durch Deutschland konsequent ablehnt, nach denen wir schon unser eigenes Klopapier auf den Toiletten der Autobahnraststätten von Nord nach Süd aufgehängt haben, weil wir so oft darin saßen, dass wir uns bereits heimisch fühlten. Will heißen: Er ist damit durch und gibt mir nur noch Adressen preis, die im Umkreis von 50 Kilometern liegen. Für eine Bewertungsprognose scheint mir das nicht aussagekräftig genug.

Mein Tipp: Selber ausprobieren und mir Bescheid sagen.

und natürlich last not least die Geheimtipps von Vereinskollegen
nicht empfehlenswert. Oder sind Sie wirklich so naiv, dass Sie noch nicht erkannt haben, dass es sich bei diesem illustren Personenkreis um Leute handelt, die keineswegs Ihr Wohl im Auge haben, sondern vielmehr darum bemüht sind, Sie, den eventuell durch ein gutes Pferd zum potenziellen Konkurrenten um die Spitzenposition in der Vereinshierarchie aufsteigenden Rivalen auszunocken. Das gelingt am besten, in dem man Ihnen ein sportlich wenig vielversprechendes Pferd empfiehlt, mit dem Sie dort bleiben, wo Sie nicht ins Turniergeschehen eingreifen können, und das ist bestenfalls im Wald!
Sollten Sie trotzdem versuchen, auf diesem Weg Ihr Traumpferd zu finden, dann fragen Sie sich wenigstens vorher einmal, warum Ihre meist erfolglosen Vereinskameraden jeden Monat ein neues Pferd anschleppen, dass seinem Reiter dann auch nicht mehr zu Ruhm und Ehr verhilft als sein Vorgänger und der davor und jener der davor in der Box stand... wo diese Leute doch so sicher wissen, wo die Erfolgspferde zum Verkauf angeboten werden?

Mein Tipp: Ignorieren Sie die Bemühungen Ihrer Mitreiter besser heute standhaft, bevor sie morgen zur Lachnummer des Reiterstammtisches werden!

selbst Anzeigen unter Pferdegesuche schalten.
Wenig empfehlenswert, wenn Sie nicht ganz genau definieren was Sie suchen und wie viel Sie dafür bereit sind auszugeben. Aber selbst bei klaren Vorgaben, werden Sie nicht verhindern können, dass Heerscharen von offensichtlichen Legasthenikern und Analphabeten Ihre Telefonleitung zum Glühen bringen (wenn Ihnen die kluge Voraussicht fehlte eine Chiffreanzeige zu schalten), die alles was Sie schrieben ignorieren und Ihnen im schlimmsten Fall das Gegenteil von dem offerieren, was Sie suchten

Mein Tipp: Lassen Sie es, wenn Sie keinen Wert darauf legen anschließend ihren derzeitigen Festnetzanschluß oder die Handynummer ( was immer Sie in dieser unseligen Anzeige angegeben haben) stillzulegen und eine Geheimnummer beantragen zu müssen, um vor unsinnigen Anrufen zu allen Tages- und Nachtzeiten sicher zu sein.

Wenn Sie jetzt glauben, mit meinen Ratschlägen und Tipps kann Ihnen nichts mehr passieren, dann kann ich Ihnen nur sagen: Mein Pferdekauf glich trotzdem einer Odyssee.

Nicht, dass mir kein Pferd gefiel, oder ich den Weg gescheut hätte, mein Traumpferd außerhalb des 50 Kilometer-Radius zu finden. Es sollte einfach nicht sein!

Das ist nicht möglich, meinen Sie? Oh, doch!

Wenn Sie ein bisschen Zeit haben, erzähle ich Ihnen gerne von meinen Erfahrungen...

Die Idee eines zweiten Pferdes wurde geboren, als uns ein Einfamilienhaus mit Stall angeboten wurde, das uns so gut gefiel, sodass wir kurze Zeit später Eigentümer der Liegenschaft wurden. Nach dem unser neues Domizil renoviert und bezogen war, reifte der Gedanke immer mehr in mir, den Anbau, in dem früher Schafe und Ziegen gehalten wurden zum Pferdestall um zu planen.. Für was hat man schließlich einen Architekten geheiratet? Eben jener war zunächst nicht begeistert, von der zusätzlichen Arbeit, die unser bis dahin im 30 Kilometer entfernten Pensionsstall untergebrachter Trakehner Wallach ins Haus bringen würde. Da ich in so einem Fall ungern etwas dem Zufall überlasse, waren meine Argumente stichhaltig und durchdacht. Die Fahrtzeit von 30 – 40 Minuten pro Weg zum Pferd, würde wegfallen. In der so gewonnenen Stunde kann man problemlos ein Pferd versorgen. Die Kosten für Benzin würden natürlich auch deutlich weniger, ganz zu schweigen von den 250 Euro Einstellkosten, die locker halbiert werden, selbst wenn hochwertigstes Rauh- und Kraftfutter gegeben würde. Sicher wären bei einer optimierten Haltung und gezielten Fütterung auch die Tierarztkosten weniger. Und – meinen Trumpf hatte ich bis zum Schluß behalten – ich wäre nicht mehr so viel in Sachen Pferd unterwegs, wenn das Tier unterm Küchenfenster grast. Besonders unsere Sonntagsfrühstücke müssten nicht mehr entweder frühmorgens oder spätvormittags stattfinden, weil ich ja nicht erst 30 Kilometer fahren muss um mein Pferd aufs Paddock zu stellen, sondern nur die Stalltüre öffnen würde, um dem Traki Bewegung zu verschaffen. Bei ganztägigem Auslauf oder Offenstallhaltung braucht man auch nicht jeden Tag zu reiten. Wir könnten abends wieder mit Freunden ausgehen oder Theaterbesuche planen, ohne vorher zu organisieren, wer das Pferd an diesem Tag laufen lässt. Alles nur Vorteile.

Am gleichen Abend maßen wir den Stall noch aus und zwei Wochen später, war alles vorbereitet, damit die Fertigboxenelemente eingebaut werden konnten. Der Spaß, meinen eigenen Stall ein zu richten und die Vorfreude auf die gemütlichen Stunden auf der Terrasse mit Blick aufs Pferd beflügelten mich.

Dann musste natürlich noch vor der Bestellung der Wände und Türen die Anzahl der Boxen festgelegt werden.
„Wieso Mittelwand? Zu was zwei Boxen?“ fragte mein Mann argwöhnisch, als ich ihm ein Prospekt mit T-Elementen zeigte.
„Weil er einen Beisteller braucht. Das Pferd ist ein Herdentier und alleine geht es ein, wie ein Primelpott,“ argumentierte ich.
„Wir brauchen aber kein zweites eigenes Pferd zu kaufen, oder?“ hakte er misstrauisch nach. Ich ließ das Thema erst Mal noch offen und wartete auf einen guten Zeitpunkt. Man soll ja nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Die Notwendigkeit eines zweiten Pferdes war für ihn nun erst Mal zu verdauen genug.

Die Gelegenheit, das Thema noch einmal an zu schneiden, ergab sich, als wir Freunde, sie Reiter, er nicht, für Freitag Abend zum Essen einluden. Zwischen Vorspeise und Hauptgericht kam natürlich die Frage: „Wie weit seid Ihr denn mit Eurem Stall?“
„Och ja“, meinte ich, es geht voran
„Wann holst Du denn Dein Pferd nach Hause?“
„Wir müssen erst noch einen Beisteller finden.“
„Ihr wollt Euch doch nicht hoffentlich einen Einsteller anlachen, der dann Sonntags morgens sein Pferd neben Eurer Terrasse putzt und Euch den Staub aufs Frühstücksbrötchen fliegen lässt?“
Das war meine Chance. Es wurde das Für und Wider der Pensionspferdhaltung rege diskutiert. Das Für von den nichtreitenden Männern, die nur den finanziellen Profit sahen, das Wider von uns pferdenärrischen Mädels. Wir hatten die schlagkräftigeren Argumente und am nächsten Tag plünderte ich am Kiosk die Pferdeverkaufszeitschriften.

Pferdemarkt, Pferdebörse, Pferdespiegel, Pferdeanzeiger. Alles in allem fast 1000 Seiten Pferde. Und wenn man den Texten unter den mal mehr mal weniger guten Fotos glauben durfte, waren zwei Drittel mit überdurchschnittlichen Grundgangarten gesegnet, verfügten über ein ausgezeichnetes Interieur und waren sehr gut geritten. Einige waren bereits turniererfahren, andere wurden als Schleifensammler für die kommende Saison angepriesen.

Die Fohlen und Jungpferde konnten zwar noch nicht mit eigenen sportlichen Erfolgen aufwarten, besaßen aber Eltern und/ oder Großeltern, die Siege und Platzierungen gesammelt hatten, oder aber Prämien-, Staatsprämien- oder gar Elitetitel trugen. Natürlich hob ein Körsieger, wahlweise Hengstleistungsprüfungs-Sieger, Eintragungssiegerin, Siegerin der Stutenleistungsprüfung, Hengstmutter oder Bundeschampionatsfinalist/in das Preisniveau um ein Vielfaches. Auch Schau- und Sporterfolge der weitreichenden Verwandtschaft haben bekanntlich ihre Auswirkung auf die Verhandlungsbasis. Diese allerdings war nicht immer in der Anzeige fixiert. Preis auf Anfrage, Preis nach Absprache, Preis bei Besichtigung, Platz vor Preis, Preis der Qualität entsprechend liessen das „von.. bis...“ noch offen und erforderten die Initiative des Interessenten. Einfacher hat man es, wenn der Festpreis definiert ist. Allerdings entmutigt die Preisvorstellung manchmal sehr, überhaupt anzurufen.

Ich telefonierte trotzdem, die Zeitungen auf den Knien, die Liste der Inserenten ab, welche die für uns interessanten Pferde anboten. Die Verkäufer am anderen Ende der Leitung waren von knapp und kurz angebunden über präzise in den Aussagen bis blumig, emotional und wortreich. Einige der Pferde hatten auch schon ein neues Zuhause gefunden. Bei anderen gab es schon Interessenten. Manche waren so weit weg, dass mein Mann streikte, weil man für das verfahrene Benzin schon ein halbes Pferd kaufen konnte, wie er meinte. Aber zum Glück waren doch noch welche dabei, mit deren Besitzern wir Termine koordinierten. Zunächst mal beschränkten wir uns auf Angebote im Umkreis von höchstens 80 Kilometern.

Am kommenden Freitag wurde unsere Tochter bei den Großeltern verklappt, die Hunde zu Freunden gebracht und für unseren Wallach eine Betreuung organisiert, die ihm Samstag und Sonntag Bewegung verschaffte. Dann lag vor uns das Wochenende an dem wir unser neues Pferd aussuchen wollten. Wie gesagt, wollten...

Die erste Station war ein Händler, der einen vierjährigen Westfalenwallach angeboten hatte. Laut Annonce sollte er von Rosenkavalier abstammen und Potential fürs große Viereck haben. Der Preis war mit VHB 6000 Euro angegeben. Nach dem Überblick den ich mir mit den vielen Heften über den Markt verschafft hatte, war das echt ein Schnäppchen.

Auf dem Hof war alles wie ausgestorben. Ich schaute auf die Uhr. Es war wie vereinbart, gerade zehn. Scherzend meinte mein Mann:“ Entweder sind die noch alle beim Frühstück, oder man hat Dich bei der Terminierung missverstanden.“ „Quatsch“, entgegnete ich, „ich habe den Termin vorgestern noch mal bestätigt.“

In der Führanlage drehten vier Pferde ihre Runden. Die werden sie ja nicht ohne Aufsicht kreiseln lassen, dachte ich bei mir. Hinter uns Hufeklappern auf dem Pflaster. Wir drehten uns um. Ein Mann in blauer Arbeitsmontur führte einen Schimmel am Halfter. Beherzt sprach ich ihn an:“ Entschuldigung, mein Name ist Bröckel. Wir haben um zehn einen Termin vereinbart und interessieren uns für den vierjährigen Rosenkavalier.“ „Nix versteh, nur mache putz Stall und mache Pferd auch putz. Schaue Halle wo Chef.“ Das Gespräch war für ihn offensichtlich hier beendet, denn er ließ uns stehen und zog mit dem Pferdchen weiter. So „schauten wir Halle wo Chef“. Wir gingen davon aus, dass die Reithalle sich in dem größten Gebäude versteckt und steuerten darauf zu. Die geöffneten Türen boten die Aussicht auf ein Schild an einer Kette, die uns den Zutritt verwehrte, wie übrigens auch das Schild, auf dem die Warnung stand: Das Betreten der Stallungen ist verboten. Eltern haften für Ihre Kinder!

Also klapperten wir alle Gebäude ab, schauten in dunkle Scheunen, in denen Heu und Stroh lagerte und in Geräteschuppen, die Kutschen, Pferdeanhängern und diversem Ackergerät Unterkunft boten. In zwei Gebäuden verbot uns abermals ein Schild den Zutritt, welches auf den wertvollen Pferdebestand hinwies. Überall war es sauber und gefegt. Auf einer der Stallgassen wartete ein gesatteltes Pferd, rechts und links angebunden, auf seinen Reiter und aus einer Box drangen menschliche Stimmen an unser Ohr. „Hallo,“ rief ich in den Gang, „Hallo, ist hier jemand?“ Die Boxentür wurde zur Seite geschoben. Ein Pferdekopf schob sich heraus, daneben ein blonder Kurzhaarschnitt. „Jaaa?“ fragte das Mädchen jetzt. Insgeheim schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel, dass es sich hier um eine deutsche Staatsbürgerin handeln möge, oder um zumindest jemand, welcher der deutschen Sprache mächtig ist. „Wir hatten einen Termin um zehn...“setzte ich an. „Oh ja, Ssseff is in de Halle. Müsse um diese Ssstall gehe rum, an Hinterture und ssstehe dann vor Reitehalle!“ Ich tippte auf finnische Staatszugehörigkeit und wunderte mich in Richtung meines Mannes: „Erstaunlich, dass die Pferde aus Deutschland kommen und er keine englischen oder arabischen Vollblüter verkauft, bei dieser Multikulti-Mischung der Mitarbeiter. “ Mein Göttergatte war jedoch schon vorausgegangen. Es war bereits halb elf und wir wollten neben diesem Pferd noch drei weitere besuchen. Der nächste Termin wartete um 13.30 Uhr auf uns und aufs Mittagessen verzichtet der Meine ungern. Und wenn, bekommt er schlechte Laune.

In der Halle wirkte auch alles sehr aufgeräumt und es herrschte im Gegensatz zur Leere des Hofes Hochbetrieb. An der Bande standen 4 Personen. Auf dem Hufschlag tummelten sich zwei weiß bandagierte und auf Hochglanz geputzte Pferde. Die Mähnen waren zu Zöpfen geflochten und die Schweife wirkten seidig. Unter den Sätteln lagen weiße Schabraken. Das eine Pferd, ein golden glänzender Fuchs, wurde von einer schlanken, jungen Dame in elegantem Outfit geritten, die Anweisungen aus der Richtung der Bande empfing. Dort stand ein korpulenter älterer Herr, der sich alle fünf Minuten mit einem großen, weißen Taschentuch den Schweiß von der spärlich behaarten und geröteten Stirn wischte, während er etwas schwer atmend Kommandos keuchte: Mach dem Zossen doch mal Beine! Der latscht hier rum wie eine Milchkuh. Weck ihn auf. Zu was hast Du denn eine Gerte? Tret ihn mal in den Hintern! Sooo ja. Und nun pack ihn mal ein bisschen mehr an.“ Die Dame und das Pferd zeigen sich wenig beeindruckt. Der Dicke fühlte sich trotzdem wichtig. Wahrscheinlich hatte er die Scheckkarte. Er unterhielt sich nun auch rege mit den beiden Personen, einer Dame im körpernah geschnittenen Zweiteiler Marke Versage oder Lagerfeld, oder so – jedenfalls teuer und unvorteilhaft, weil es die Seitenairbags hervorhob und die Hinterfront betonte und einem Herrn im Reitdress, welcher vermutlich als Einkaufsberater mitgenommen worden war.

Bei dem Herrn neben dem Grüppchen handelte es sich offenbar um den Pferdehändler, mit dem wir verabredet waren. Jetzt gab er dem jungen Mann auf dem zweiten Pferd ein Zeichen, den Fuchs der Reiterin, die jetzt offensichtlich mit dem Pferd fertig war, abzunehmen. Er sprang von dem muskulösen Braunen, den er offensichtlich für die schlanke Frau abgeritten hatte und griff nach dem Zügel des nun vom Schweiß dunklen Fuchses von dem die Reiterin jetzt elegant sprang. Bevor er ihr Aufsteighilfe geben konnte, saß sie schon im Sattel. Während der Bereiter dem dampfenden Pferd eine Decke überwarf und mit ihm aus der Halle entschwand, trabte nun der Braune unter seiner leichten Last schwungvoll durch die Lohe.

Der Händler diskutierte derweil eifrig mit dem Taschentuchwedelnden Herrn. Von uns nahm keiner Notiz.

Ein weiteres nicht minder gestyltes Pferd wurde nun in die Halle geführt. Schwarzbraun glänzte sein Fell. Ich erkannte es als das, zuvor in der Stallgasse angebundene, das der Reiter nun endlich abgeholt hatte. Locker schwang er sich nun in den Sattel.

Ich befürchtete, dass wir hier noch länger warten würden und marschierte in Richtung „Chef“. „Entschuldigung,“ unterbrach ich die rege Unterhaltung der Leute, „Entschuldigung, wir hatten um zehn Uhr einen Termin und interessierten uns für den vierjährigen Rosenkavalier.“ Der Händler blickte mich leicht irritiert an. „Vierjähriger Rosenkavalier?“
„Ja. Mein Name ist Bröckel. Wir hatten vorgestern noch telefoniert und den Termin bestätigt. Sie hatten uns zugesichert, dass wir das Pferd heute ausprobieren können.“
Er hatte augenscheinlich nun doch eine Erleuchtung und meinte:“ Ach der. Der für sechstausend“ Hörte ich da eine gewisse Geringschätzung heraus? Oder bildete ich mir nur ein, dass er das Wort „sechstausend“ sehr herablassend aussprach?

„Ja, da müssen sie nun noch ein wenig Geduld haben. Sie sehen ja: Die Herrschaften (Blick in Richtung schwitziger Dicker und Anhang) sind auf der Suche nach einem fürs ganz große Viereck (Betonung auf ganz) für die Gemahlin (Aha, das ist nun die Dame im Modell-Kostüm). Am besten Sie kommen am Nachmittag noch einmal wieder oder morgen. Rufen Sie aber besser vorher noch mal an, die Günstigen gehen meistens schnell weg. Der Freizeitmarkt gibt ja kein Geld aus für ein Pferd.“

Sechstausend Euro war ganz offensichtlich die Preisklasse, bei welcher man es mit der Terminierung nicht so genau nahm. Hier wurde in aller Deutlichkeit die Zwei-Klassen-Gesellschaft probagiert. Wir waren der Freizeitmarkt der günstige Pferde sucht und die anderen waren die Dressurreiter, welche die Grenze nach oben auch gerne mal in mindestens fünfstelligen Zahlen definierten. Ich betrachtete meine Stiefel, die zwar ordentlich geputzt, aber nicht vergleichbar mit den Lackschuhähnlichen Teilen der hauseigenen Bereiterin des Dicken. Der Ganzlederbesatz meiner Breeches wurde nach dem Waschen jedes Mal von mir mit Handcreme geschmeidig geknetet und der Schnitt und die Farbe der Hose entsprachen nicht dem Modetrend der aktuellen Saison. Die gertenschlanke Probereiterin hingegen wirkte mit ihrem Outfit wie einem Reitsportartikel-Hochglanzkatalog entstiegen.

„Vielen Dank für die Auskunft.“ Mein Mann behielt die Contenance, während ich zwischen Enttäuschung und Wut schwankte. „Komm,“ meinte er jetzt in meine Richtung, „ wir haben noch weitere Termine, bei denen wir auch wirklich erwartet werden. Wir wollen nicht unhöflich sein und diese Verkäufer warten lassen.“ Sprach´s und ließ den Händler stehen.

Im Auto schwiegen wir beide eine ganze Zeit. Erst nachdem wir sicher dreißig Kilometer hinter uns gebracht hatten, sagte ich: „ Irgendwie halte ich das immer noch für einen schlechten Scherz. Soviel Arroganz. Es kann nicht wahr sein, dass der uns so abserviert hat!“
„Was regst Du Dich so auf?“ fragte mein Göttergatte. Hättest Du wirklich ein Pferd bei ihm kaufen wollen? Ich denke nicht, dass wir das was wir suchen, in seinem Stall finden. Leute wie der suchen das schnelle, gute Geschäft. Denen ist doch egal, an wen sie das Pferd verkaufen. Hauptsache die Euros stimmen. Glaubst Du den interessiert, ob das Tier in gute oder schlechte Hände wandert? Nee, mein Schatz, solche Leute unterstütze ich nicht mit meinem Geld.“ Ach, was hatte der Mann recht! Aber leider war auch die nächste Verabredung mit einem Händler getroffen worden.

Theoretisch erwartete uns laut Anzeigentext ein dreijähriges Traumpferd in Schwarz mit hannoverscher Abstammung mit Württemberger Brand. Stockmaß 1.65 m. Seit vier Monaten unterm Sattel, sollte er schon viel Talent für sportliche Erfolge im Viereck und am Sprung zeigen. Der Preis war diesmal wirklich recht günstig. Für 3500 Euro sollte dieses Schmuckstück den Besitzer wechseln.

Überzeugt abermals auf eine Armada polnischer, türkischer oder sonstiger ausländischer Mitarbeiter zu treffen, entstiegen wir um 13.20 Uhr unserem Auto. Der Hof war kein Vergleich zu dem am Vormittag besuchten. Augenscheinlich waren hier noch dienstbare Geister am Misten. Die Pferdeäppel und das schmutzige Stroh auf dem Pflaster deuteten zumindest darauf hin.
Wir waren nun fast überrascht, als der Hofherr selbst uns begrüßte und gleich vor uns her Richtung Stall lief. „Bei uns sieht heut´ alles ä bissele wüscht aus, gell. Aber mir sinn am Mischt raus fahre. Immer ei mol im Monat machet mir des, gell“, schwäbelte er munter vor uns her.

Im Stall schlug uns auch eine Ammoniak-Wolke entgegen, die einem den Atem raubte. Ein Trecker schob die urinnassen Strohmatrazen vor sich her ins Freie und beförderte sie dann direkt auf den bereits wartenden Miststreuer. Praktisch, Praktisch, die Schwaben.

„Sie habbet sich für den droijährige Schwaaz indressiert, gell“ fragte er nun und wartete aber die Antwort gar nicht erst ab. „Sie, der isch geschtern grad verkauft worre. Des ware ganz nedde Leid, gell. Kommet glaub i ganz aus Ihrer Näh, vielleicht kennet Sie sie ja sogar? Noi? Hätt ja sei könne, gell. Aber ich hab da noch ä Stut für Sie. Noi, koi Schwaaz. Aber ä hübsche Braune ischs. Ä bissle gloi, aber Sie sin ja au nit ä so groß, gell.“
Bei soviel schwäbischer Überrumpelungstechnik waren sowohl mein Mann als auch ich sprachlos. Aber wir wären sowieso nicht zu Wort gekommen, auch wenn sie uns nicht gefehlt hätten. Der frohe Schwabe legte nämlich schon wieder los:“ Gugget Sie do schtot sie, gell. Gmesse habbert ma sie no net, aber en Meter fümpfefuffzig hett sie scho denk i halt, gell. Diä wachst jo au no. Wird jetzt grad zwoi das Johr. Pabier? Jo en Eguidebass hett sie scho, gell. Noi Abschtammung? Des wois i au nit, gell. Isch z´jung? Ha, än fuffzenjährige hätt i no, gell. Z´alt? Jo, also so zwischedrinn, wois i au net, gell. Do habbet ma no Ponnile, gell. Z´gloi? Aha. Jo denn duats ma leid, gell.“

Wieder im Auto musste ich dann doch lachen. Auch wenn ich eigentlich sehr enttäuscht darüber war, dass auch Adresse zwei sich als Flop erwies, so war es wenigstens ein Fehlschlag mit Komik. Mein Mann stimmte mir zu und setzte zur Bestätigung ein Gell dahinter. Nun lachten wir beide und fuhren so erheitert zur Adresse Nummer Drei.

Eine fünfjährige Stute war uns hier angeboten worden. Rohdiamant mal Matcho AA. Dunkelbraun ohne Abzeichen. Eingetragen im Oldenburger Hauptstutbuch. 1,66 m Stockmaß. Platzierungen in Reitpferde- und Dressurpferdeprüfungen bis L. Verkauf wegen Auslandsstudium. Platz vor Preis.

Die Anzeige hatte sehr vielversprechend geklungen. Auch am Telefon klang der junge Mann sympathisch. Seine Preisvorstellung lag bei 7000 Euro, aber wenn sie in gute Hände mit Lebensstellung gehen würde, könnte man darüber noch mal sprechen. Wir waren gespannt.

Leider war jedoch schon die Suche nach dem Anwesen nicht wirklich einfach. Die Wegbeschreibung, die ich telefonisch erfragt hatte, ließ nur einen Schluss zu: Hier hatte jemand rechts und links verwechselt. Den Ort fanden wir dann mit der Straßenkarte auf den Knien, Die Leute waren zum Glück im Ort bekannt, und um 16.30 Uhr, mit einer halben Stunde Verspätung, erreichten wir das Haus. Auf unser Klingeln öffnete eine ältere Dame. Das Pferd stünde in einem Pensionsstall im nächsten Ort erklärte sie uns. Ihr Sohn, der das Pferd verkauft, hätte noch mal weg gemusst, aber wir sollten schon mal vor fahren. Er käme dann nach.

Wir stiegen also wieder ins Auto und machten uns abermals auf die Suche. Der Reitstall war im Vergleich zum Wohnhaus recht einfach zu finden. Wir orientierten uns gar nicht erst an der Wegbeschreibung der Dame, was vermutlich auch besser war. Sie korrigierte sich mehrfach: ...dann rechts, nein links. Geradeaus und... Moment rechts oder links... ja links. Soviel zum rechts und links verwechseln. Die Reithalle war sehr gut ausgeschildert und nur wenige Minuten später rollten wir über den Kies des Parkplatzes. Und warteten...

Nach fast einer halben Stunde beschlossen wir, nun doch mal im Stall nach dem Pferd zu fragen, damit unser Timing nicht komplett durcheinander geriet. Wir hatten zwar bei dem Schwaben Zeit gespart, weil wir, nachdem das Traumpferd verkauft war, und nichts ädequates im Angebot stand, kein Ausprobieren und anschauen möglich war, aber die Suche nach Adresse Nummer Drei hatte unser Konzept etwas gestresst. Wir hatten für die Termine jeweils eineinhalb Stunden eingeplant für Probe reiten und Pferd ein wenig kennen lernen plus eine halbe bis eine Stunde Fahrtzeit. Unser nächstes Date war auf halb sieben angesetzt und die Uhr zeigte bereits fünf. In einer Stunde mussten wir weiter. Ob dieser ominöse Student nun kam oder nicht.

Unser Auto stand draußen in Gesellschaft von ca. 10 Fahrzeugen, meist auch Geländewagen, die darauf schließen ließen, dass in den Ställen jemand anzutreffen sein würde. Tatsächlich fanden wir sofort eine junge Frau, die gerade dabei war, Bandagen aufzurollen. Wir fragten nach der Rohdiamant-Stute des Studenten. „Ach, Sie sind die Leute für die Rubina? Warten Sie ich zeige Sie ihnen eben,“ bot sie hilfsbereit an und legte die Pferdewickel zur Seite.

Während sie uns durch die Stallgasse geleitete, erklärte sie:“ Die Rubina ist ein tolles Pferd. Schade dass der Jörg sie jetzt verkaufen muss, aber wer weiß wie lange er in England bleibt und wer soll sich denn während der Zeit um das Pferd kümmern? Seine Familie hat mit den Pferden nichts am Hut. Der Stall hier ist auch nicht ganz billig. Dreihundert Euro im Monat. Das ist viel Geld für einen Studenten. Muss ja auch erst Mal verdient werden. Dazu kommt der Schmied, Wurmkuren und vielleicht auch mal der Tierarzt. Kostet ja alles. Und wenn er jetzt nach London geht... Hier das ist Rubina!“ Sie deutete auf eine wirklich bildschöne Stute, die uns aus großen, dunklen Augen musterte. Sie war bestens gepflegt und glänzte wie poliert.
„Der Jörg wird wohl gleich kommen, wenn er Ihnen das versprochen hat. Waren ja auch schon eine Menge Leute da. Auch solche, die mit ihr züchten wollen. Da hat er schon Auswahl an Interessenten. Na ja, ich muss jetzt mal weiter.“

Wir schauten ihr ernüchtert hinterher. Konnte es sein, dass der junge Mann zu feige gewesen war, uns zu sagen, dass das Pferd vermutlich schon verkauft ist, oder wollte er sich einfach alle Interessenten warm halten, bis Mr. Oder Mrs, Right kam? Nicht dass wir kein Verständnis dafür gehabt hätten, aber wenn man voller Hoffnung vor einem Pferd steht, bei dem man sicher ist, dass es das Richtige, das Perfekte ist, nach dem man gesucht hatte, ohne anzunehmen, dass man es so schnell finden könnte, dann brechen nach diesen Worten Welten zusammen. Ich drehte mich noch mal zur Stute um. Oh, Rubina. Du Einzigartige unter den Schönen. Du wärst es gewesen. „Vielleicht ist sie ja noch gar nicht verkauft und er kommt gleich noch“, versuchte mein Mann mich zu trösten. „Nein“, murmelte ich traurig, „er kommt sicher nicht mehr. Vermutlich hat er heute eine endgültige Zusage erhalten und traute sich nicht, uns so kurzfristig abzusagen.“ Mein Mann nickte. Er wusste, dass ich recht hatte.

So machten wir uns schweren Herzens auf zu Pferd Nummer Vier.

Er begrüßte uns beim Aussteigen aus dem Auto, indem er uns den Kopf zum Kraulen über den Koppelzaun hielt, hinter dem er stand. Ich erkannte ihn sofort und die Beschreibung seiner Besitzerin: „Lieber Schmusebär sucht Mensch mit Herz und Zeit“ stimmte ganz sicher. Er war mit Sicherheit ein ganz braves Exemplar eines Equiden, zumindest vermittelte er den Eindruck. Er wirkte hager, aber als Vollblüter hätte zuviel Speck an ihm vielleicht auch nicht so gut ausgesehen und man konnte die Rippen zwar schimmern sehen, aber er war nicht dünn in dem Sinn.

Die Verkäuferin kam nun auf uns zu und begrüßte uns herzlich:“ Ja, das ist Barny. Sie haben sich schon mit ihm bekannt gemacht. Das ist schön. Mögen Sie ihn denn leiden?“ Nun hatte ich ja noch die herrliche Rubina im Kopf und Barny hätte es auch als schönes Pferd schwer gehabt, momentan bei mir zu punkten. Aber ich wollte ihm eine Chance geben und meinte diplomatisch:“ Er ist wirklich sehr lieb“ „Ja, nicht wahr“, freute sie sich,“ es fällt uns nicht leicht uns von ihm zu trennen, aber ich habe keine Zeit mehr für ihn und außer mir interessiert sich keiner in unserer Familie für Pferde“. „Ist er das einzige Pferd hier?“ fragte ich nun verwundert. „Ja, ich habe ihn schon vor meiner Heirat von der Rennbahn gekauft. Damals ritt ich ihn noch täglich. Nach der Hochzeit zogen wir zur Familie meines Mannes hier auf den Hof. Es war ja kein Problem, für Barny ein Plätzchen im Rinderstall zu schaffen und Weide ist auch genügend da, seinem Bewegungsdrang tut das Genüge. Nur seit unser Sohn geboren wurde, habe ich kaum mehr Zeit mit ihm zu schmusen oder ihn zu putzen.“ „Wann haben Sie ihn denn zuletzt geritten?“ Ich ahnte Schreckliches. „ Das Problem ist, dass wir hier ja keinen Reitplatz oder eine Halle haben. Wenn ich ihn reiten wollte, müsste ich ins Gelände. Im Winter ist das Wetter meist wenig einladend und er steht auch immer draußen. Dann hat er langes Winterfell, in dem der Modder klebt und bis ich ihn sauber habe, ist es entweder dunkel oder man ist so steifgefroren, dass einem nicht mehr so sehr nach Reiten ist. Im Frühjahr und Sommer gibt es auf dem Hof und den Feldern genug zu tun. Da müssen alle anpacken und zum Reiten bleibt keine Zeit. Ich habe dann irgendwann den Sattel und das andere Reitzeug verkauft, weil ich es ja doch nicht brauchte. Nicht war, Barny?“ Sie streichelte jetzt liebevoll seinen kantigen Schädel, was er sichtbar genoss. Allerdings fragte ich mich nun schon, wie hatte diese Frau sich vorgestellt, dass das Pferd ausprobiert werden sollte? Vom fehlenden Zubehör abgesehen, hatte ich wenig Lust ein seit Ewigkeiten ungerittenes Pferd auf einer unebenen Wiese zu testen und womöglich noch kopheister in einen der vielen Kuhfladen zu landen, die verstreut auf der Weide herumlagen. Ich fragte also vorsichtig an:“ Sie haben keinen Sattel für ihn?“ „Nein, aber wenn Sie ihn reiten wollen, kann ich mir von einer Bekannten was leihen. Wir müssen dann sowieso den Pferdeanhänger bei ihr holen und mit ihm in die Reithalle des Vereines fahren. Das ist nicht so weit“, erklärte sie. Mein Mann schaltete sich nun ein:“ Was ist nicht so weit? Der Verein oder die Bekannte?“ „Beides. Bis zur Ulla sind es knapp 15 Kilometer. Von dort bekomme ich die Sachen und den Anhänger. Dann fahren wir zurück und laden Barny auf. Mit Barny fahren wir dann noch mal ca. 10 Kilometer bis zur Halle.“ Ich konnte die Rechenmaschine im Kopf meines Mannes förmlich rattern hören, als sie nun die Kilometer addierte und mit Minuten multiplizierte. „Also wenn ich sie recht verstanden habe“, resümierte er,“ dann würden wir ca. 30 Kilometer herumfahren um Anhänger und Sattelzeug zu holen, um dann noch einmal 10 Kilometer mit Pferd zur Reithalle zu fahren, dort reiten, und dann wieder 10 Kilometer mit Pferd zurückfahren.“ „Ja, dann müssten wir den Anhänger wieder zurückbringen, weil ich kein Zugfahrzeug habe“, erklärte sie. Anscheinend hatte sie aber kein schlechtes Gewissen. Es war ihr auch nicht peinlich, uns für die Aktion gleich mit einzuspannen. Aber abgesehen davon, empfand auch ich wenig Neigung, abends um sieben mit einem mir fremden Anhänger und einem mindestens genauso fremden Pferd durch die Wallachei zu fahren, nur um dann womöglich noch warten zu müssen, bis die Vereinshalle frei ist, damit ich ein seit Jahren ungerittenes Pferd anschieben darf. Womöglich suchte sie sowieso einen Dummen, der den Testpiloten machte, damit sie das Pferd den nächsten Interessenten als aktuell geritten anbieten konnte. Nein, nein, nein und noch mal nein. Nicht mit mir! Ich wollte jetzt nach Hause. Ich bat die Frau um Verständnis dafür, dass wir bereits den ganzen Tag unterwegs waren und besser ein anderes Mal zu reiten wiederkämen. „Das müssen Sie wissen“, sagte sie,“ aber morgen kommen noch mal Leute, die auch sehr interessiert sind am Barny. Wenn er dann verkauft ist...“ „Ja, das wäre dann zwar schade, aber damit leben wir dann halt“, log ich und dachte: Ha, hab ich´s doch gewusst, dass sie einen Kamikazeflieger gebraucht hatte, aber das sollten die Leute morgen mal schön selber machen. Wir verabschiedeten uns rasch, worüber der Meine sichtlich beglückt war und traten den Heimweg an.

Zuhause, im Bett fragte mich mein Mann: „Willst Du immer noch ein Pferd?“ Vorsichtig antwortete ich: „Gib mir noch ein Wochenende“.

Diesmal hatten wir Samstag und Sonntag für unsere Pferdetour eingeplant und fuhren mit Pferdeanhänger los. Einerseits, weil ich überzeugt war, wenn man fest genug an etwas glaubt, das man sich wünscht, klappt es auch und damit das Schicksal auch merkte, dass es mir verflixt ernst war, fand ich den Pferdeanhänger zur Unterstreichung meines Wunsches sinnvoll. Andererseits hatten wir eine Tour von 600 Kilometern einfache Strecke vor uns mit Übernachtung und 600 Kilometer Rückfahrt. Mein Göttergatte weigerte sich strikt, bei erfolgreicher Pferdesuche diesen Marathon noch einmal zu fahren, um den Auserkorenen nach Hause zu holen. Deshalb war sein Argument für den Pferdeanhänger: Wir fahren einmal dahin und dann hoffentlich nie wieder.

Mit zwei Verkäufern hatten wir ein Treffen vereinbart. Ich war jedoch guter Dinge, dass wir den zweiten Termin unterwegs absagen können, weil Pferd Nummer eins, alle meine Voraussetzungen erfüllte. Eine Kohlfuchsstute mit flachsfarbenem Langhaar! Das Foto hatte ich die ganze Woche immer wieder angeschaut und heute, da es soweit war, dass wir sie kaufen würden, kroch mir dieses unangenehme Gefühl in den Nacken.

Auf meinen Schultern saß rechts das Engelchen wieder einmal und links das Teufelchen. Und dieser kleine Lümmel stichelte sofort:“ Das geht sowieso wieder schief, weißt Du. Oder sag mir drei... nein sag mir einen Grund, warum es anders ausgehen sollte wie letzte Woche?“ Zum Glück sprach jetzt das Engelchen zu mir: „Sorge Dich nicht. Die Anzeigen klingen beide ganz toll. Eines der beiden Pferde wird das Richtige sein.“ Oh Engelchen“ seufzte ich, „ ich gäbe was dafür das Du heute recht hast.“ „Was wäre Dir die Sache denn wert?“ wollte jetzt sofort der Pferdefüßige wissen. „Mit Dir treibe ich keinen Handel, kleiner Teufel und nun husch zurück auf Eure Plätze. Ich muss los.“ Ich verscheuchte alle beide mit meinen Händen und stieg zu meinem schon wartenden Mann ins Auto. „Was machst Du den da für komische Rituale“, wollte er wissen. „Ich habe das Engelchen und das Teufelchen verscheucht“, antwortete ich. „Na, dann können wir jetzt ja fahren.“ Er ist sonderbares Benehmen meinerseits seit 14 Jahren gewohnt.

Unser Zeitplan passte hervorragend. Genau zur vereinbarten Zeit fuhren wir durch die Gestütseinfahrt und wurden auch gleich von Hunden belagert. Während wir noch überlegten, ob wir das Wagnis des Aussteigens eingehen sollten, wurden die beiden Zerberusse von einer jungen Frau zurückgerufen. Sie gehorchten sofort und gaben damit den Weg frei. Die Hundebändigerin kam nun, allerdings jetzt ohne Hunde, auf uns zu, um uns zu begrüßen. Ich war aufgeregt, wie zur ersten Tanzstunde. Nachdem ein paar Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht waren, kam sie zum – für mich – Wesentlichen. Wir folgten ihr in den Stall. Ein fast schwarzer Kopf schob sich über die Boxentüre. Nur im Licht der Sonne offenbarte sich der Rappe als Fuchs. Jetzt wirkte das Fell wie Zartbitterschokolade. Welch aparter Kontrast dazu bot der goldene Stirnschopf. Eine schmale Blesse ließ das edle Gesicht noch schmaler und feiner wirken. Kein Zweifel – hier stand mein Traumpferd. Am liebsten hätte ich sie jetzt gleich aufgeladen, ohne langes Ausprobieren. Zu groß war meine Angst, dass noch irgend ein Schleier vor mein Glück fallen könnte. Aber wir mussten das Finanzielle noch erledigen. Mit 8000 Euro war diese Stute zwar das teuerste Pferd, welches ich ausgesucht hatte, aber dafür auch das Außergewöhnlichste. Sogar die göttliche Rubina verblasste daneben. Die Stimme der jungen Frau riß mich aus meinen Überlegungen. „Wollten Sie sich jetzt die Stute ansehen?“, fragte sie mich. Die Stute ansehen??? Ich sah sie doch schon die ganze Zeit an! Sie merkte wohl, wie irritiert ich war und meinte:“ Das ist der Hengst, der Vater der Stute. Mandova steht draußen auf der Weide.“ Schade dachte ich, den hätte ich sofort aufgeladen, aber seine Tochter, von der ich nur das Foto kannte, sah ihm doch sehr ähnlich. Wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie würde mir mit Sicherheit genauso gut gefallen. Vor uns lagen die Koppeln. Fünf Pferde hatten ihre Nasen im Gras versenkt. Zwei Füchse und drei Braune. Aber wo war Mandova? Ein Schreck durchfuhr mich: Was, wenn sie ausgebrochen war und nun irgendwo auf einer Straße vor einem Auto ihr Leben lassen muß. Ein Kloß steckte in meinem Hals. Allerdings schien ihre Besitzerin wenig beunruhigt über das Verschwinden der Stute. Eigentlich sogar gar nicht. Fröhlich plauderte sie mit meinem Mann:“ ... und das ist Mandova,“ hörte ich sie sagen. War ich erblindet oder was? Warum sah sie das Pferd und ich nicht? Ich schaute meinen Mann an. Auch sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

Anscheinend schien sie aber jetzt doch unsere Unsicherheit zu spüren. „Sie hatten doch für die annoncierte 4-jährige Fuchsstute angerufen, oder? „Die Halbblutstute, ja“ bestätigte ich. „Das ist die zarte, dunklere von den beiden Füchsen. Die mit der Blesse“ Sie deutete nun mit der Hand in die Richtung, wo die beiden Füchse grasten. Kein Kohlfuchs, keine Flachsmähne, nur ein profanes rotbraunes Pferd stand vor uns auf der Wiese. Vor Enttäuschung hätte ich fast losgeheult. Tonlos kramte ich jetzt die ausgeschnittene Anzeige aus meinem Portemonnaie und reichte sie ihr. Sie warf einen Blick darauf und sagte: “Das ist der Hengst, da auf dem Bild.“ Ich nickte. Ihre Erklärung, dass ihr Mann wohl in Ermangelung eines Fotos von der Stute, das Hengstbild eingeschickt hatte, hörte ich wie durch Watte. Dass die Abstammung aber die der Stute ist und alles andere auch stimmt, drang auch nur noch wie von weit weg an meine Ohren. Am Auto betonte sie dann noch mal, dass ihr das leid tut, dass sie nichts von dem ausgetauschten Foto gewusst hätte und dass seine Tochter ihm doch so ähnlich sieht.

Auf der Fahrt überlegte ich, dass wohl nicht ich sondern sie erblindet sein muss, das Pferd auf der Weide hatte nichts, aber auch gar nichts gemeinsam mit dem Bild in meiner Hand, das ich jetzt zerknüllte. Ich öffnete das Fenster einen Spalt und ließ das Papierbällchen hinausfallen. Es flog davon, wie meine Träume vom Zartbitterschokoladenpferd. Zartbittere Träume ...

Mein Mann sah zu mir herüber. Ich weinte lautlos. Über meine Wangen liefen jetzt bittere Tränen, zartbittere Tränen der Enttäuschung.

Wir erreichten das Hotel. Unsere Fahrt war schweigend verlaufen. Das Abendessen schmeckte mir nicht. Es lag nicht am Koch.

Nach einer unruhigen Nacht erwachte ich schon zeitig, fühlte mich aber wie verkatert.

Ich hatte wenig Lust mir heute noch ein Pferd anzusehen. Eine Holsteiner Schimmelstute war hier angeboten. Staatsprämie, Acht Jahre alt, 1.62 Meter Stockmaß. Noch nicht weit geritten, weil nach der Stutenleistungsprüfung fast ausschließlich in der Zucht, 4 Fohlen, aber in diesem Jahr keines bei Fuß und auch nicht gedeckt. Aber für 2500 Euro auch mit Abstand das Preiswerteste, was wir ausgesucht hatten.

Michael bestand darauf, den Anhänger nicht umsonst mitgenommen zu haben. Er war fest entschlossen dieses Pferd zu kaufen. „Hör zu“, bat er mich, „ wenn dieses Tier nicht gerade auf drei Beinen läuft oder sonst irgendwelche gravierende Fehler hat, kaufen wir sie. Ich fahre nächstes Wochenende keinen Meter in Sachen Pferd.“

So wild entschlossen trafen wir am späten Vormittag an der angegebenen Adresse ein. Ein gummigestiefelter Mann mit Hut kam die Treppe herunter und bat uns: „ Wollen wir vielleicht gleich mit ihrem Auto zur Koppel fahren?“ Wir nickten beide, ohne zu fragen wo oder wie weit die Koppel entfernt war. Aber er hätte uns nach Dänemark schicken können, wir hätten vermutlich genickt. Ich setzte mich nach hinten, damit das Bäuerlein dem Meinen den Weg erklären konnte. Er tat dies mit vielen Gesten und sehr wortreich. Mehr als drei Kurven hatten wir nicht hinter uns gelassen, da sahen wir die Weide. Wir hätten zu Fuß gehen können.

Die Schimmelstute leuchtete von weitem und war ohne Probleme zu erkennen. Das ist ja schon mal was, schien mein Mann mir sagen zu wollen, jedenfalls nickte er zufrieden. Zutraulich kam sie zum Zaun, als wir sie lockten. Der Bauer halfterte sie auf und holte sie aus der Herde. Sie fand das offensichtlich in Ordnung. Er bat uns jetzt, zum Hof zurück zu fahren. Er wollte mit der Stute dann zum Stall kommen. Wie vereinbart warteten wir auf die beiden. Sie waren rasch bei uns. Jetzt, wo sie zum Putzen angebunden worden war, betrachtete ich sie genauer. Sie war mager, aber trotzdem hatte sie ein sehr ansprechendes Gesicht. Mit etwas mehr Fleisch auf den Rippen wäre sie sicher ein sehr schönes Pferd. Aber sie weckte in mir keine Emotionen. Der Göttergatte unterhielt sich mit dem Bauern. Gemeinsam priesen sie mir die Stute an, als gäbe es einen Wettbewerb zu gewinnen. Ich würde sie wohl nehmen müssen, wenn ich´s mir nicht mit der Regierung verderben wollte. Aber Begeisterung weckte Lawinia, so hieß das Gerippe, nicht in mir.

Ein Mädchen, vermutlich die Tochter des Bauern, putzte das Pferd und brachte dann den Sattel und die Trense mit. Ich hatte keine Lust zu reiten. Der Bauer bot an, dass das Mädchen das Pferd vorreiten würde. Ich war einverstanden. Im Gänsemarsch zogen wir Richtung Reitplatz. Vorneweg die Stute und ihre kleine Reiterin. Dahinter die beiden Männer. Ich schleppte mich antriebslos hinterher.

Beim Aufsteigen ging die Stute leicht in die Knie. Das läge an der fehlenden Muskulatur stellte der Besitzer gleich fest. Die Stute zeigte einen schönen Schritt, wirkte dabei aber immer, als kämpfte sie um das Gleichgewicht. Das Antraben kam zögernd und machte den Eindruck, als hielte sich das Pferd im Rücken fest. Von hinten sah sie aus, als schwankte sie. Offensichtlich konnte der Bauer meine Gedanken erraten, denn er versicherte eilig, dass das Pferd schon sehr lange nicht mehr geritten wurde. Aber die Stutenleistungsprüfung hätte sie sehr gut absolviert. Und schließlich sei sie grade mal acht Jahre alt. Ein Jahr Training und sie läuft wieder. Ob ich mich draufsetzen möchte, wollte er nun wissen. Nun ja, wenn ich jetzt sowieso schon da war, konnte ich auch mal eben die Stute reiten. Als ich austeigen wollte wich die Stute meinem Gewicht aus. Die Tochter des Bauern war eindeutig leichter als ich. Ich stellte abermals den Fuß in den Bügel. Die Stute wich aus. Ich löste den Gurt und nahm den Sattel ab. Der Bauer persönlich nahm ihn entgegen und sah mich fragend an. Ich legte meine Hand auf den Widerrist und ließ sie über die Wirbelsäule Richtung Schweifrübe gleiten. Im Lendenbereich duckte sie sich unter dem leichten Druck der Hand. Der Bauer erkannte jetzt wohl, dass Erklärungsbedarf bestand. „ Lawinia fiel vor einem Jahr in einen Entwässerungsgraben. Als wir sie fanden, hatte sie schon versucht selbst freizukommen und war sehr erschöpft. Wir zogen sie mit dem Trecker raus. Aber sie verfohlte noch auf der Weide. Ich denke auch, dass sie sich den Rücken verkühlt hat. Keiner weiß, wie lange sie mit dem Rücken im Wasser lag. Wir haben sie sofort in den Stall geholt. Trotzdem bekam sie Fieber. Nach einer Woche hatte sie sich wieder erholt. Aber sie hat auch in diesem Jahr nicht aufgenommen. Als Zuchtstute ist sie ohne Wert, wenn sie unfruchtbar bleibt. Deshalb bieten wir sie jetzt als Reitpferd an.“ Ich schaute mir das Pferd noch einmal an. Sie tat mir leid. Wenn sie nun auch als Reitpferd versagte, war klar welches Schicksal ihr bestimmt war. Sicher könnte man sie billig kaufen und von einem Chiropraktiker behandeln lassen. Zusätzlich wäre die Möglichkeit mit Akupunktur die Meridiane wieder in Fluss zu bringen und die Schmerzen homöopathisch aufzulösen. Wenn sie sich aber einen Nerv eingeklemmt hatte und aus diesem Grund spinale Ataxie bekam, hatte man wenig Chancen sie als Reitpferd zu nutzen. Ich wollte mir auch kein Pflegeheim für hoffnungslose Fälle an die Backe binden, so sehr ich bedauerte, Lawinia nicht helfen zu können. Wenn ich neben meinem Wallach noch ein Pferd füttern wollte, dann sollten wir es auch für irgend etwas nutzen können. Eine achtjährige Invalidin konnte gut und gerne 15 – 20 Jahre vor sich haben, in denen sie genau soviel Schmied, Impfungen und Futter braucht, wie ein gesundes Pferd. Aber außerdem waren da noch die Tierarzt- und Heilpraktikerkosten, die ein Pflegefall zusätzlich beansprucht. Ich konnte es nicht tun. Mein Entscheid, Lawinia nicht zu nehmen, war getroffen. Ich schaute meinen Mann an und schüttelte den Kopf. Er nickte. Ich konnte der Schimmelstute nicht in die Augen sehen, als das Mädchen ihr die Trense gegen das Halfter tauschte, um sie auf die Weide zurückzubringen. Wir verabschiedeten uns schnell und traten die Heimreise an. Der Anhänger war leer.

Wir haben uns noch einige Pferde angesehen. Verwurmte, Lahme, Heruntergekommene. Das Elend vieler Verkaufspferde, deren Besitzer keine Verwendung mehr für sie hatten und sie nun schnell loswerden wollten, war bedrückend. Die Pferde beim Händler waren doch wenigstens gepflegt gewesen. Aber wo das Pferd zur Handelsware wird, ist wenig Platz für Ethik und Achtung vor dem Leben.

Wir haben uns nach langem Suchen für einen Trakehner-Jährling aus einem kleinen Züchterstall entschieden. Eine Freundin bot an, ihren gleichaltrigen Traber als Spielgefährten zu meinen beiden Trakis zu stellen. Eine dritte Box hat der Meine auch angebaut. Zu was ist er Architekt.

Vorerst werden wir wohl keine Pferde mehr kaufen gehen, höchstens ein Trakehnermädchen für unseren schwarzen Jüngling, wenn er groß ist. Für den eigenen Bedarf zu züchten, das wäre was...

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